Wissenswertes über Gasförderung & Fracking

Runder Tisch zum Gasbohren von MdB Lars Klingbeil in Dorfmark am 29.03.2019

 

Am Freitag 29.03.2019 lud Herr Lars Klingbeil, SPD und Mitglied des Bundestages zu einem runden Tisch ins Deutsche Haus in Dorfmark ein, der v. a. das sensible Thema der Region zum Gegenstand hatte: Erdgasausbeutung und Fracking. Herrn Klingbeils Anliegen waren der Dialog und das Kennenlernen der Anliegen der Bürger, die er persönlich eingeladen hatte. Dies waren meist Vertreter lokaler und regionaler Einrichtungen, Städte, Gemeinden und Bürgerinitiativen.

 

In der rund zweistündigen Veranstaltungen meldeten sich zahlreiche Stimmen Betroffener zu Wort zu den geplanten Bohrungen des Erdgasausbeuters Vemilion. Das kanadische Unternehmen will im Raum Visselhövede und Dorfmark / Fallingbostel vermutete Erdgasvorkommen ausbeuten, obwohl DEA und Exxon sich zunehmend aus der Region zurückziehen.

 

[Foto: (cc) https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Klingbeil09.jpg]

 

Thematisierte Sorgen und Probleme der Betroffenen waren vor allem die Folgen für die Gesundheit der Anwohner der geplanten Bohrungen, mögliche Einträge von Giftstoffen aus (defekten / nicht „integeren“) Bohrungen in Erdreich, Grundwasser und vor allem in die Rotenburger Rinne, die eine halbe Million Menschen in Norddeutschland mit Trinkwasser versorgt.[1] Die sog. „Abstandsstudie“ [2] wollte ihre eigenen Daten nicht dahingehend interpretieren, dass die signifikant erhöhten Krebsraten im Umfeld der Erdgausausbeutungen auf eben diese zurückzuführen seien. Das konnte die Anwesenden jedoch nicht überzeugen, zumal zahlreiche internationale Studien beweisen, dass Gasausbeutung massive gesundheitliche Folgen für die Anwohner hat.[3]

 

Weitere Anliegen waren die Vernichtung des Werts von Immobilien in der Region, die für viele Menschen nicht nur Heimat, sondern auch Teil ihrer Altersvorsorge sind, oder Planungen von Kliniken, die unsinnig werden, wenn in unmittelbarer Nähe Bohrplätze entstehen.

 

Ebensowenig konnten die Anwesenden verstehen, worin der Sinn von solchen Ausbeutungsvorhaben in Deutschland besteht, wenn sich Deutschland einerseits rühmt, Vorreiter im Klimaschutz zu sein und andererseits Nachbarländer wie die Niederlande und Frankreich ihren Ausstieg aus dieser klimaschädlichen Fördermethode betreiben. Die globale Dimension der Bedrohung, die in der Heideregion besteht, wurde mit der bevorstehenden Entscheidung für den Flüssiggasterminal in Brunsbüttel und die katastrophale Klimabilanz dieser Ausbeutungsform und v.a. des Frackings erkannt.[4]

 

Weitere Sorgen wurden insbesondere von Landwirten formuliert, die um ihre Existenz bangen, sollten neue Ausbeutungsvorhaben zu Schadstoffbelastung ihrer Erzeugnisse führen. Das betrifft vorrangig Betriebe ökologischer Landwirtschaft, aber natürlich nicht nur diese.

 

Als hochproblematisch wurde die Rolle des LBEG erkannt. Einerseits soll diese Behörde Kontrollfunktion innehaben (die sie überwiegend auf der Basis von Selbstauskünften der Ausbeuterfirmen umsetzt), andererseits sieht sich die Behörde selbst als verpflichtet an, den Konzernen eine Umsetzung ihrer Ausbeuterlizenzen zu ermöglichen. Wie dies zu einer Gewährung des Schutzes von Gesundheit, Ressourcen und Umwelt in unserer Region führen kann mochte niemand so recht verstehen. Schließlich ist im Kreis der Teilnehmer auch niemandem bekannt gewesen, dass das LBEG jemals eine Umweltverträglichkeitsprüfung für notwendig erachtet hätte, obwohl unzählige Studien aus den Amerikas die gesundheitlichen Bedrohungen beweisen.[3]

 

Die Diskussionsrunde war aber nichts weniger als resigniert ob des Bedrohungsszenarios. Zahlreiche Maßnahmen wurden diskutiert, wie den neuen Gefährdungen begegnet werden kann. Kommunen wollen alle Möglichkeiten untersuchen und ergreifen, um Erkundungen und Ausbeutungen zumindest zu erschweren. Bürger haben sich allerorts zusammengefunden, um ihren Widerstand zu formieren und auszudrücken. Allein in den vergangenen Tagen hat das Aktionsbündnis aus Bad Fallingbostel über 6300 Unterschriften von Bürgern gesammelt, die ihren Protest gegen die neuen Ausbeutungspläne mit ihrer Unterschrift bekundet haben.

 

Herr Klingbeil kündigte an, den Dialog fortsetzen und die Chancen zum Einspruch insbesondere beim Wasserrecht bzw. im Wasserhaushaltsgesetz, im Raumordnungsprogramm und im Bergrecht untersuchen zu wollen.

 

Fussnoten:

 

[1] Information von Volker Meyer, Geschäftsführer Wasserversorungsverband Rotenburg-Land auf einer Informationsveranstaltung der WUG Wittorf vom 26.03.2019

 

[2] Forster, Felix, Katja Radon, und Ronald Herrera. 2018. „Abschlussbericht zum Forschungsvorhaben ‚Zusammenhang von hämatologischen Krebserkrankungen und der wohnlichen Nähe zu Schlammgruben(verdachtsflächen) und zu Anlagen der Kohlenwasserstoffförderung in Niedersachsen‘“. Institut für Arbeits-, Sozial- u. Umweltmedizin der LMU München. https://www.nlga.niedersachsen.de/download/139078/Abschlussbericht_zum_Forschungsvorhaben_Zusammenhang_von_haematologischen_Krebserkrankungen_und_der_wohnlichen_Naehe_zu_Schlammgruben_verdachtsflaechen_und_zu_Anlagen_der_Kohlenwasserstofffoerderung_in_Niedersachsen_12_2018_.pdf.

 

[3] Concerned Health Professionals of New York & Physicians for Social Responsibility, Hrsg. 2018. „Compendium of scientific, medical, and media findings demonstrating risks and harms of fracking (unconventional gas and oil extraction) (5th ed.)“. Physicians for Social Responsibility. http://concernedhealthny.org/compendium.

 

[4] Landesarbeitskreis Energiewende. 2019. „Position zum geplanten Flüssigerdgasterminal (LNG) in Brunsbüttel (2019)“. Herausgegeben von Bund Umwelt- und Naturschtz Deutschland - BUND Schleswig Holstein. Bund Umwelt- und Naturschtz Deutschland - BUND. https://www.bund-sh.de/fileadmin/sh/Materialien/Themen_LGST/Energiewende/2019_BUND-Position_LNG-Terminal_Brunsbuettel.pdf.

 

 

Unser Trinkwasser – Vortragsabend der WUG Wittorf mit Referent Volker Meyer, Geschäftsführer des Wasserversorgungsverbandes Rotenburg-Land am 26.03.2019

 

 

Mal sehen, ob sich ein Besuch für Sie gelohnt hätte. Hätten Sie es gewusst?

(Foto: cc - WUG / Gerd Richter 2019)

 

 

  1. Was ist das unterirdische Juwel?

  2. Wie viele Menschen versorgt die Rotenburger Rinne mit Trinkwasser: 65.000 – 88.000 – 500.000?

  3. Wie alt ist das Wasser, das wir trinken?

(Antworten für Neugierige sind unter dem Text :-).)

 

 

Auf diese und zahlreiche weitere Fragen gab Volker Meyer Auskunft vor einem Publikum von ca. 40 interessierten und aktiv diskutierenden Teilnehmern. Bei Herrn Meyers Vortrag stand diesmal nicht die Frage nach den Risiken durch die Erdgasausbeuterfirmen im Vordergrund, sondern vor allem das Problem des Stickstoffeintrags. Dieser erfolgt vor allem durch die Landwirtschaft und die zunehmenden Biogasanlagen.

 

 

Herr Meyer machte jedoch deutlich, wie verwoben die Zusammenhänge sind. Weniger Stickstoffeintrag durch die Landwirtschaft ließe sich auf Dauer nur erreichen, wenn sich auch Verbraucherverhalten und konkret die Preistoleranz der Kunden veränderten. Wer Billigprodukte aus der Landwirtschaft wolle, könne nicht gegen deren möglichst ökonomisches Verhalten z.B. beim Düngen sein.

 

 

Andererseits gibt es auch eine Reihe konkreter Maßnahmen, mit denen Stickstoffeinträge in der Landwirtschaft reduziert werden könnten. Ganz sicher aber ist der sogenannte Gülletourismus aus der Region Vechta / Cloppenburg zu uns abzustellen. Schließlich sind in unserer Region mit die höchsten Belastungen von Nitrat im Wasser gemessen worden. Der aktuelle Grenzwert von 50mg Nitrat / Liter (früher waren das nur 25mg) ist schon diskutabel, werden doch Grenzwerte nur an erwachsenen Männern getestet und gemessen, wie eine Teilnehmerin wusste. Tatsächlich aber liegen 60% unserer Flächen mit ihren Nitratwerten deutlich über dem Grenzwert, zum Teil um ein Vielfaches (bis 170mg und mehr).

 

 

Trinkwasserschutz ist also eine zentrale Aufgabe, um nicht nur den Lebenswert unserer Heimat zu erhalten, sondern das Leben in unserer Heimat überhaupt!

 

 

Die an den Vortrag anschließende Diskussion zeigte dann weitere Sorgen der Teilnehmer: Die Qualität des eigenen Brunnenwassers zum Beispiel, das sehr gelitten hat, sowie vor allem die zahlreichen Risiken durch Erdgasausbeutung und das Verpressen von Lagerstättenwasser. Erdgasausbeutung braucht riesige Menge Trinkwasser (pro Bohrplatz mehrere 10.000 m³ Trinkwasser, die unserem Wasserreservoir entnommen werden)![1],[2] Das Trinkwasser wird bei den Vorgängen mit giftigen Zusatzstoffen (sog. Fracking-Additiven) versetzt, deren Art und Zusammensetzung die ausbeutenden Firmen geheim halten. Sofern dieses Wasser wieder an die Oberfläche gelangt (z.B. bei sog. „flowbacks“), müsste es nachher eigentlich aufwändig entsorgt werden, ebenso wie das Lagerstättenwasser, das ebenfalls stark mit gesundheitsschädlichen Stoffen durchsetzt ist.

 

Will man aber die Wasserqualität messen, dann müsste man wissen, nach welchen Giften man zu suchen hat. Da dies nicht bekannt ist, ist einerseits die Suche so gut wie unmöglich, andererseits ist später die Beweisführung unmöglich, dass möglicherweise gefundene Giftstoffe im Trinkwasser von den Erdgasausbeutern verursacht wurden.

 

 

Das Trinkwasser ist und bleibt die zentrale Ressource, auf der alles Leben basiert. Ohne Nahrung kann ein Mensch viele Tage auskommen. Ohne Wasser nur wenige Stunden. Es lohnt sich also, sich für dessen Erhalt und Qualität einzusetzen, wie es die Mitglieder der WUG tun.

 

 

 

[1] Ewen, Christoph, Dietrich Borchardt, und Neutraler Expertenkreis, Hrsg. 2012. Risikostudie Fracking: Übersichtsfassung der Studie „Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Fracking-Technologie für die Erdgasgewinnung aus unkonventionellen Quellen“. Neutraler Expertenkreis. Darmstadt: team ewen. https://www.ufz.de/export/data/2/201587_Abschlussbericht%20Ex_risikostudiefracking_120518_webprint.pdf.

 

[2] Ortgies, Jan, und Arbeitskreis Fracking Braunschweiger Land. 2012. „Fracking und unkonventionelle Erdgasförderung. Experten-Hearing des ZGB, 03.07.2012“. Arbeitskreis Fracking Braunschweiger Land. https://www.regionalverband-braunschweig.de/fileadmin/user_upload/30_Themen/Fracking/04_Ortgies_AK_Fracking_2012-07-03.pdf.

 

 

 

Antworten:

 

 

1. Als unterirdisches Juwel wird die Rotenburger Rinne bezeichnet. Sie ist eine geologiosche Formation aus der Eiszeit, die das Landschaftsbild an der Oberfläche und die Strukturen darunter prägte. Das Urstromtral der Rotenburger Rinne hat sich im Laufe der Jahrtausende mit Sand gefüllt und wurde in späteren Zeiten oberflächlich verdeckt. Das Profil wurde mit Sand und tonhaltigen Schichten sowie Schluff aufgefüllt; an der Oberfläche ist das ein guter Schutz gegen Verunreinigungen. Die Rinne ist doppelzügig, hat also zwei Täler, die heute von zwei Teilen des Wasserversorgungsverbandes kontrolliert und bewirtschaftet werden (Bereich Nord und Süd). Die Tiefe der Rinne beträgt bis zu 400m.

 

 

2. Die Rotenburger Rinne versorgt 65.000 Menschen direkt hier im engeren Kreis; indirekt sind es 88.000 Menschen, die sich auf 22.500 Hausanschlüsse verteilen. Zählt man aber die Region Bremen mit hinzu, die ebenfalls mit diesem Wasser versorgt wird, dann sind es eine halbe Million Menschen, die auf das Wasser unserer Region angewiesen sind.

 

Das erklärt, warum es so wichtig ist, dass sich die WUG und viele andere Bürgerinitiativen dafür einsetzen, dass globale Konzerne unser Trinkwasser nicht z.B. durch schadhafte Bohrleitungen oder Fracking bei Erdgasförderungen verunreinigen.

 

 

3. Das Wasser ist viele hundert bis 1000 Jahre alt, denn es braucht lange, bis Oberflächenwasser so tief in den Boden gedrungen ist. Das ist deswegen sehr wichtig, weil die zahlreichen Verunreinigungen unserer Zeit erst deutlich später „unten“ ankommen. Das erklärt, warum es so wichtig ist, dass wir uns heute für das Wasser einsetzen, damit auch unsere Kinder und Nachfahren hier noch leben können.

 

Treffen des Aktionsbündnisses gegen Gasbohrung am 07.03. in Dorfmark

 

Es waren geschätzt etwa 60-70 Bürger aus dem Heidekreis und umgebenden Landkreisen gekommen, um sich gegenseitig zu informieren, was sie gegen die neuen Gasbohr-Vorhaben tun werden.

 

Die Tagesordnung war umfangreich: Sachstandsberichte, Aktionsplanung, Vorgehensweisen, Ressourcen wurden besprochen.

[Bild: adm-080319. cc: by-nc-sa 4.0]

 

Eine erstaunlich große Anzahl von Menschen war anwesend und bereit, sich dafür zu engagieren, dass globale Konzerne den ländlichen Raum Niedersachsens nicht weiter als leichte Beute für ihre Kohlenwasserstoff-Ausbeutungen benutzen können und dabei die Lebensgrundlagen von Mensch und Natur nachhaltig zu zerstören und zu vergiften drohen.

 

Die Anzahl der Ideen war so groß wie ihre Kreativität. Wenn man in Betracht zieht, dass in zahlreichen anderen Lebensbereichen die Politikmüdigkeit der Bevölkerung beklagt wird, so war dieses Treffen sicher ein glänzendes Beispiel, wie viel gute Energie, Arbeits- und Hilfsbereitschaft da und mobilisierbar ist.

 

Gratulation und herzlicher Dank zugleich an die Organisatoren des Abends! Die WUG Wittorf freut sich über das Engagement in der gemeinsamen Sache und unterstützt die Menschen im Heidekreis in dieser Sache nach Kräften.

 

Mehr zu den Initiativen im Heidekreis gegen Gasbohren ist hier zu finden.

 

Gesundheitsfolgen der Erdgasausbeutung

Ausbeutung von Kohlenwasserstoffen und schwere Krankheiten treten oft zusammen auf. Der kausale Zusammenhang wird von den Rohstoffausbeutern bestritten. Die Umweltjournalistin Carin Schomann* hat Fälle und Fakten in dieser Präsentation zusammengestellt.

 

*Kontakt zur Autorin:

Web: https://www.c-schomann.de/

Twitter: https://twitter.com/carinschomann?lang=de

 

Über Wittorf Z1 und andere Bohrungen siehe von der gleichen Autorin auch

https://bohrplatz.org/


UBA Gutachten 2014: Umweltauswirkungen von Fracking

Das Umweltbundesamt (kurz: UBA) hat mehrere Gutachten erstellen lassen, die sich mit ökologischen, gesundheitlichen und anderen Risiken von Erdgasausbeutung und Fracking befassen. Solche Gutachten können selten eine eindeutige Bewertung erlauben, zeigen aber deutlich, wie viele Fragen offen sind und wie viele Risiken bestehen und wie weit sie sich auswirken können.


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.. hier folgen bald Vorstellungen von weiteren Studien und Gutachten zu Risiken und Folgen von CO-Ausbeutungen